Energieberatung: Erfolgsrezept für den Klimaschutz

Energieberatung ist Klimaschutz. Diese einfache Rechnung geht in der InnovationCity Ruhr | Modellstadt Bottrop auf. In dem Labor für klimagerechten Stadtumbau entstand 2016 das Modell der „aufsuchenden Energieberatung“. Immobilienbesitzer, die eine energetische Modernisierung ihres Gebäudes in Betracht ziehen, können direkt in ihrem Objekt eine ausführliche Beratung erhalten. Die Umsetzungsquote danach ist hoch: 75 Prozent der Ratsuchenden führen eine Maßnahme durch. Damit senken sie den Energieverbrauch ihres Gebäudes – und die Treibhausgas-Emissionen in Deutschland. Bundesumweltministerin Svenja Schulze unterstützt das Konzept und will, dass es bundesweit Schule macht.

Markus Wohlgemuth | Foto: ICM

Menschen, die eine Energieberatung wünschen, kommen mit den unterschiedlichsten Fragestellungen. Manche möchten ihre Heizung austauschen oder Fenster und Türen, und suchen nach Informationen zum Stand der Technik. Andere wiederum beschäftigen sich mit grüner Energie und dem Klimawandel, und brauchen daher Input zu Photovoltaik-Anlagen oder Solarthermie. Ebenfalls nachgefragt sind Themen wie Dämmung, Lüftungstechnik mit Wärmerückgewinnung oder Wärmepumpen. Wer nun aber denkt, eine Energieberatung sei aufgrund der Unmenge technischer Details eine eher trockene Angelegenheit, irrt. Auf die Frage, ab wann Solarthermie Sinn macht, kann es zum Beispiel heißen: „Für zwei Personen lohnt sich das nicht. Da bräuchten Sie schon einen beheizten Swimmingpool oder müssten Kois züchten, um die erzeugte Wärme abgeben zu können.“ Und die Vorzüge moderner Lüftungsanlagen werden wie folgt angepriesen: „Von der Heizenergie, die durchs Lüften flöten geht – immerhin 20 bis 25 Prozent, können Sie bis zu 85 Prozent einsparen. Sie haben immer frische Luft und, besonders interessant für Allergiker, können Ihre Anlage sogar mit Pollenfiltern ausrüsten.“

Wenn die Energieberater der Innovation City Management GmbH (ICM) einschätzen sollen, ob sich eine Maßnahme rechnet, tun sie das nach unterschiedlichen Kriterien. Manchmal argumentieren sie, dass man durch eine Investition mehr Geld herausbekommt als auf der Bank und zudem ja noch den Wert der Immobilie steigert. Manchmal zeigen sie auch auf, wie autark man als eigenständiger Stromerzeuger mit einer Photovoltaik- oder einer KWK-Anlage ist. Die im Auftrag der Stadt durchgeführten Energieberatungen sind in Bottrop stets neutral und orientieren sich an den Möglichkeiten und Plänen der Kunden.

Neue Fenster, neue Heizung, bitte!

Neue Fenster und eine neue Heizung – mit dieser Wunschliste meldeten sich Kai und Stefanie Degener bei der InnovationCity-Gesellschaft und baten um einen Termin. Als erstes wurde geklärt, wo das Gespräch stattfinden soll. Das InnovationCity-Pilotgebiet umfasst sieben innerstädtische Stadtquartiere, in denen rund 70.000 der insgesamt 120.000 Bottroper leben. Steht das Haus des Anfragenden im Pilotgebiet, darf er sich aussuchen, ob er aufgesucht werden will oder lieber in die Beratungsstelle der ICM kommt, ins sogenannte ZIB, Zentrum für Beratung und Information am Hauptbahnhof Bottrop.

Beratungsgespräch auf der Terrasse (2019 und somit vor Corona aufgenommen): Kai und Stefanie Degener freuen sich über die Informationen von Energieberater Markus Wohlgemuth (r.). | Foto: ICM

 

Die Degeners wohnen im Pilotgebiet und wollten in ihrer Doppelhaushälfte aus dem Jahr 1947 besucht werden. Einige Tage nach ihrer Anfrage öffneten sie ICM-Energieberater und Architekt Markus Wohlgemuth die Tür und setzten sich mit ihm an den Terrassentisch. Schnell war als Einstieg in die Beratung geklärt, dass ein Austausch der fast 30 Jahre alten Ölheizung mehr als sinnvoll ist: „Neuere Heizungssysteme sind wesentlich sparsamer“, erklärte Wohlgemuth. Bei den Fenstern und Türen riet er jedoch dazu, genau hinzusehen. „Das Alter allein ist nicht immer ausschlaggebend, es sei denn, man hat noch einscheibenverglaste Holzfenster oder Alufenster ohne thermische Trennung.“ Ob sich die Investition in einen Fenstertausch jedoch allein durch die Einsparung von Heizenergie bezahlt mache, sei oft fraglich. Allerdings sollten nicht nur wirtschaftliche Aspekte berücksichtigt werden: „Entscheidend ist auch ein besserer Wohnwert“, so Wohlgemuth. „Ob man sich also in der Nähe des Fensters wohlfühlt, ob man gleichzeitig den Einbruchsschutz verbessern möchte oder die Lärmemissionen verringern will.“

Anreize für Eigentümer setzen

Als die ICM 2016 die „Aufsuchende Energieberatung“ einführte, hatten die Erfahrungen aus den Jahren zuvor gezeigt: Für viele Eigentümer sind mangelnde Kenntnisse von Technik und Fördermöglichkeiten ein Hemmnis bei der Gebäudemodernisierung. Was sie in erster Linie benötigen, ist unabhängige fachliche Unterstützung und Begleitung. Die Stadt Bottrop hat dies im InnovationCity-Pilotgebiet installiert und damit ein Erfolgsrezept für den Klimaschutz gefunden.

Burkhard Drescher | Foto: ICM

„In Deutschland stagniert die energetische Modernisierungsrate im Gebäudebestand bei unter einem Prozent. In Bottrop erreichen wir seit mehreren Jahren über drei Prozent, weil wir eine kostenlose ausführliche Energieberatung anbieten und zusätzlich Anreize durch simpel abrufbare Fördergelder setzen“, erklärt Burkhard Drescher, Geschäftsführer der ICM. Er betont immer wieder, wie entscheidend es für das Einhalten von deutschen Klimazielen ist, sich um die bereits gebauten 19 Millionen Wohngebäude zu kümmern. Denn 37 Prozent der CO2-Emissionen in Deutschland stammen aus Gebäuden. Für Drescher ist der Ansatz gescheitert, energetische Gebäudemodernisierungen mit zentral zu vergebenden Fördermitteln anzuregen. „Es ist systemisch unmöglich, Hauseigentümer in Garmisch-Partenkirchen, Erfurt und Eutin mit einheitlichen Förderkriterien zu erreichen.“ Daher zeigten entsprechende Instrumente des Bundes auch keine Breitenwirkung.

Gebäude-Steckbriefe für den schnellen Überblick

Kai und Stefanie Degener haben ihr Haus vor zweieinhalb Jahren gekauft. Sie leben darin mit ihren beiden kleinen Kindern, auf anderthalb Geschossen und 112 Quadratmetern. Der Bauingenieur und die Physiotherapeutin verfolgen den InnovationCity-Prozess und wissen, dass es eine städtische Förderung für energetische Modernisierungs- und Instandsetzungsmaßnahmen gibt. Die Anträge müssen im Abschlussjahr von InnovationCity bis zum 30. Juni 2020 bei der Stadt eingereicht werden. Das Bottroper Förderprogramm, die sogenannte „Förderrichtlinie 11.1“, speist sich aus Mitteln der Städtebauförderung von Bund, Land und Kommune und bezuschusst Baumaßnahmen zur Energieeinsparung sowie zur Minderung der CO2-Emission.

Der Energieberater klärte die Degeners im Gespräch über die Höhe der Fördergelder auf – und zwar anhand von Gebäude-Steckbriefen. Die ICM hat insgesamt 21 Steckbriefe für das Pilotgebiet erstellt. Je nach Baujahr und Gebäudetyp (Einfamilien-, Reihen- oder Mehrfamilienhaus) listen sie die Zuwendungen entsprechend der Gewerke auf. Für den Austausch von Fenstern und Außentüren in ihrer Doppelhaushälfte aus den 1940er Jahren erhalten die Degeners einen Fördersatz von zehn Prozent und eine maximale Förderung von 520 Euro. Noch erfreulichere Zahlen verkündete Wohlgemuth zur Heizung: „Wenn Sie Ihre Ölheizung durch eine Anlage mit einem Energieträger ersetzen, der weniger CO2 ausstößt, wird das mit 25 Prozent und einer Maximalsumme von 4.120 Euro gefördert.“

Kai Degener (l.) und Markus Wohlgemuth schauen sich die alte Ölheizung an, die durch eine klimafreundlichere Heizungsanlage abglöst werden soll. | Foto: ICM

 

Klimafreundliche Heizung

Kai und Stefanie Degener schwebt eine klimafreundliche Heizungsanlage vor: Sie soll entweder mit Fernwärme oder Geothermie betrieben werden. „Wenn ein Anschluss ans Fernwärmenetz möglich ist, können Sie bei der NRW.Bank aus dem progres.nrw-Programm einen Zuschuss zur Wärmeübergabestation beantragen“, erläuterte ihnen Architekt Wohlgemuth. „Falls Sie sich für eine Wärmepumpe entscheiden, können Sie seit Anfang des Jahres eine Förderung bei der BAFA beantragen.“ Neben Fernwärme hält der Experte Wärmepumpen für die beste Lösung fürs Klima, denn sie nutzen die Energie der Sonne, die im Erdboden oder in der Umgebungsluft gespeichert wird. Sie brauchen allerdings niedrige Vorlauftemperaturen von unter 40 Grad. Das bedeutet, dass an sich nur große Heizverteilflächen wie Fußbodenheizungen eine ausreichende Wärme im Gebäude gewährleisten. „Bei Ihnen könnten die vorhandenen Heizkörper nach einer Dämmung des Hauses und dem Austausch der Fenster aber gegebenenfalls ausreichen“, so das Fazit des Energieberaters, der im Anschluss noch über die barrierearme Umgestaltung des Wohnraums informierte. „Vielen Eigentümern sei gar nicht bewusst, was alles dazu zähle, berichtete er. „Das ist nicht nur der barrierefreie Einstieg in die Dusche, sondern auch der Lichtschalter, der verlegt werden kann, oder der zweite Handlauf im Treppenhaus für mehr Sicherheit.“ Barrierefreiheit komme daher auch jungen Familien zugute und sei nicht nur für Senioren ein Thema.

Schnell sind im Gespräch und bei der Besichtigung des Hauses gut anderthalb Stunden verflogen. So lange dauert eine Energieberatung der ICM fast immer. Es können auch schon mal zwei daraus werden – je nachdem, wie viele Maßnahmen ein Eigentümer plant. Allein das Erläutern der kompletten Förderkulisse benötigt Zeit, da die Fachleute auch über landes- und bundesweite Programme informieren. Die nächste Anlaufstelle der Degeners ist die städtische Sanierungsbegleitung. Dort werden die Förderanträge zusammen mit den Angeboten der Fachfirmen abgegeben. „Wichtig ist“, so Wohlgemuths letzter Tipp, „dass Sie erst mit Erhalt der Förderzusage Ihren Handwerkern den Auftrag erteilen.“

Und zurück ins Büro. | Foto: ICM

Tipps zum Thema Förderung

Die Suche nach der richtigen Förderung für die eigene energetische Modernisierung sollte mit einer Internetrecherche beginnen, da viele Förderprogramme von den unterschiedlichsten Fördermittelgebern existieren. So gibt es bundesweite Programme von der der BAFA (Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle) und der KfW-Bank (Förderungen in Form von Investitionszuschüssen und zinsgünstigen Krediten mit Tilgungszuschüssen).

Im Blick haben sollte man auch die einzelnen Landesförderungen – wie in NRW zum Beispiel die „Richtlinie zur Förderung der Modernisierung von Wohnraum“ von der NRW.Bank. Auch Städte und Gemeinden bieten oft kommunale Sonderförderungen wie etwa Solaroffensiven an. Es gibt außerdem Programme von Stadtwerken und Energieerzeugern. Zeitlich begrenzte Maßnahmen werden manchmal von lokalen Strom-, Gas- und Fernwärme-Anbietern sowie Geräte-Hersteller gefördert.

Einen guten Überblick liefert die Datenbank www.foerderdata.de. Nach der Eingabe von Adresse, Baujahr und Größe des Gebäudes können bundesweite und regionale Förderprogramme ermittelt werden. Wer sich für eine Förderung interessiert, kann sich an Verbraucherzentralen oder Energieberater wenden.

 

Dieser Text erschien in gekürzter Form in der BAUIDEE Mai/Juni, Nr. 3|2020.