Plusenergiehaus im geförderten Wohnungsbau

Im Rahmen der InnovationCity Ruhr entstand in Bottrop das erste Plusenergiehaus im staatlich geförderten Wohnungsbau. Das Modellprojekt zeigt, dass der Plusenergiestandard auch unter den dafür vorgeschriebenen wirtschaftlichen Bedingungen zu erreichen ist. Burkhard Drescher, Geschäftsführer der Innovation City Management GmbH, erklärt, was bei der Planung zu beachten ist und welche Vorteile das Modell für den Klimaschutz hat.

Herr Drescher, wie ist es zu diesem Projekt in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Bauen und Wohnen Bottrop mbH (GBB) gekommen?

Die Initiative ging vom damaligen Städtebauminister in NRW, Michael Groschek, aus. Der Anspruch bei diesem Projekt war, auch im sozialen Wohnungsbau technische Möglichkeiten zur Klimaneutralität zu erproben. Die städtische Wohnungsbaugesellschaft konnte das Projekt mit Unterstützung der Innovation City Management GmbH umsetzen.

Und wie haben Sie es geschafft, ein Plusenergiehaus im geförderten Wohnungsbau zu realisieren? Bisher galten diese beiden Komponenten eher als konträr.

Entscheidend für die Finanzierung war, dass der rechtliche Rahmen für Sozialmieten um die Summe angehoben werden konnte, die die Mieter ansonsten für Energie ausgegeben hätten. Die Mieter in diesem Plusenergiehaus haben keine Heizkosten und sie zahlen auch nichts für den Allgemeinstrom.

Burkhard Drescher ist der Geschäftsführer der Innovation City Management GmbH. Foto: ICM

 

Was war speziell bei der Planung zu beachten?

Einer der wesentlichen Aspekte bei der Planung war die Nutzerfreundlichkeit in einem so hoch technisierten Haus. Da das Projekt auch für die InnovationCity Bottrop einen Laborcharakter haben sollte, wurden viele Techniken eingebaut, die nicht unbedingt durch die Mieteinnahmen refinanzierbar sind. Beispiele sind hier die zusätzliche Absicherung durch Fernwärme, obwohl die Wärmepumpe das Gebäude mit Geothermie beheizt, oder die Abwasserwärme-Rückgewinnungsanlage. Den warmen Abwässern aus Duschen, Badewannen, Spül- und Waschmaschinen wird die Wärme entzogen und dem Vorlauf der Wärmepumpe wieder zugeführt, um eine bessere Effizienz zu erreichen.

Welche technischen und baulichen Elemente wurden bei diesem Projekt verwendet, um den Plusenergiestandard zu erreichen?

Ausschlaggebend ist die 170 Quadratmeter große Photovoltaikanlage, die den gesamten Bedarf für Wärme und Technik bilanziell decken könnte. Daneben ist die Wärmerückgewinnung aus der Raumluft über eine Belüftungsanlage zu nennen und natürlich die besonderen Dämmwerte von Fenstern und der Außenwand.

In wie weit ist es im Hinblick auf den Klimaschutz Ihrer Meinung nach sinnvoll, das Thema Energieeffizienz auch in den geförderten Wohnungsbau zu integrieren?

Wir haben im „Labor“ InnovationCity Bottrop gezeigt, dass Energieeffizienz im geförderten Wohnungsbau technisch möglich ist. Zum Zeitpunkt der Eröffnung des Hauses gab es noch nicht die Möglichkeit, Mieterstrom anzubieten. Wenn diese Möglichkeit zusätzlich noch genutzt würde, könnte man den Mietern im sozialen Wohnungsbau kostenlose Wärme und verbilligten Strom anbieten – also: Klimaschutz als soziale Maßnahme!

Werfen wir einen Blick in die Zukunft. Wie sieht für Sie die optimale Entwicklung des geförderten Wohnungsbaus in Bezug auf den Klimaschutz aus?

Natürlich sind klimaneutrale Wohnungen in der Herstellung teurer als konventionelle Gebäude. Hier müsste der Gesetzgeber anknüpfen und den Wohnungsgesellschaften steuerliche Anreize für die CO₂-Einsparung bieten. In Anlehnung an die gewerbliche Vermietung könnten die Wohnmieten als Warmmieten geregelt werden, dann können Energieeinsparungen zur Finanzierung der Investitionen dienen. Die Umstellung in der gesetzlichen Mietgesetzgebung auf die Warmmiete würde Spielräume eröffnen und insgesamt den Druck auf Mieten in Deutschland verringern. Und Mieter, die günstig Energie erhalten, können wiederum ihren Beitrag zum Klimaschutz leisten, indem sie auf ihre Verbräuche achten.

 

Dieses Gespräch erschien zuerst in Quartier – Fachmagazin für urbanen Wohnungsbau, 1.2019.