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Meine Zukunftsvision vom urbanen Leben? Niedrige Energiekosten, saubere Umwelt, gesündere Menschen. Im Gespräch mit ICM-Chef Burkhard Drescher.

Herr Drescher, Sie sind Experte in Sachen energetischer Quartiersentwicklung – wie sieht Ihre urbane Zukunftsvision aus?

Smart, digital, klimagerecht – so wird die Zukunft unserer Städte aussehen, da bin ich mir sicher. Anders gesagt: Niedrige Energiekosten, saubere Umwelt, gesündere Menschen, ein riesiger Innovationssprung. Klimaschutz zahlt sich aus, denn er sorgt für Investitionen, die durch Kostenminderung wieder herein kommen. Wir haben in Bottrop rund 300 Millionen Euro Investitionen in fünf Jahren angeschoben und den CO2-Ausstoß um 37,4 Prozent reduziert. Und wir werden bis 2020 auch die 50 Prozent schaffen. In Bottrop werden jährlich über drei Prozent der Gebäude energetisch modernisiert. Der Bundesdurchschnitt liegt unter einem Prozent. Und der Heizenergie-Verbrauch ist in Bottrop um 24 Prozent gesunken. Damit liegt die Stadt im nationalen Vergleich der erreichten Heizenergieeinsparung an der Spitze. Wie wir das geschafft haben? Wir haben bislang mit rund 3.000 Immobilienbesitzern Beratungsgespräche über eine energetische Modernisierung geführt – kostenfrei. Von diesen Eigentümern haben über 50 Prozent tatsächlich Maßnahmen umgesetzt. Diese Aktivierungsrate ist bundesweit einmalig.

Die Erfolge des Modellprojektes ziehen große Aufmerksamkeit auf sich und Ihre Expertise ist auf höchster politischer Ebene gefragt. Wie oft trifft man Sie als Berater in Berlin an?

Ich erarbeite auf der Basis unserer Erfahrungen Strategiepapiere, die u. a. in den Ausrichtungen und Empfehlungen des Deutschen Städtetags einfließen. Weiterhin bin ich in verschiedenen Arbeitskreisen und Projektgruppen in Berlin tätig, die dem Projekt allgemein sowie den Ergebnissen der „InnovationCity“ schon einen hohen Stellenwert zuordnen.

Ihre Vision der Stadt 4.0 haben Sie kürzlich bei der Urban Future Global Conference in Wien auch einem internationalen Publikum vorgestellt. Worum ging es bei der Veranstaltung?

Die UFGC ist Expo für nachhaltige Stadtentwicklung und der weltweit größte Treffpunkt von so genannten „CityChangern“ – Menschen, die ihre Städte mit Begeisterung und Engagement nachhaltiger gestalten. Sie setzen konkrete Projekte in die Tat um und verbessern damit das Leben in der Stadt. In diesem Jahr drehte sich alles um die Themen Stadtplanung, Mobilität, Kommunikation und Ressourcenschonung. Die Anfrage, unser Projekt vorzustellen, habe ich daher gerne angenommen. An ganz konkreten Praxisbeispielen konnte ich unseren ganzheitlichen InnovationCity-Ansatz veranschaulichen. Denn der Übergangsprozess in eine nachhaltigere urbane Zukunft muss als Ganzes betrachtet werden: Klimaschutz ist nur smart möglich und smart kann wiederum nur digital funktionieren. Ein wichtiger Schlüssel für ein ressourcenschonendes Leben von morgen ist die Energiegewinnung, insbesondere im Hinblick auf Mobilität wie auch auf den Gebäudesektor. Darum arbeiten wir an der Stadt 4.0 – und das ganzheitlich.

Warum sind gerade Stadtquartiere für den Klimaschutz so wichtig?

Rund 75 Prozent aller Wohngebäude in Deutschland sind älter als 30 Jahre und müssten saniert werden. Der Austausch alter Heizanlagen gegen moderne Technik ist einer der größten Hebel, die Klimaziele zu erreichen und nachhaltig Energie einzusparen. Doch die Sanierungsrate stagniert bundesweit bei knapp einem Prozent. In den Umweltämtern der Städte liegen Klimaschutzpläne, gespickt mit guten Konzepten und vielen guten Ideen. Doch diese Pläne sind eben meistens kommunal getrieben. Die Kommunalverwaltungen allein entwickeln aber nicht die Schubkraft, um Tausende Menschen zu motivieren und Investoren zu aktivieren. Unser Prinzip ist: Wir bringen alle an einen Tisch – Wohnungswirtschaft, Industrie, Gewerbebetriebe, Handwerker, Bürger, Politiker und Verwaltung.

Stichwort InnovationCity roll out: Alles begann 2010 in Bottrop, inzwischen sind Sie im ganzen Ruhrgebiet aktiv. Wie kam es dazu?

Wir haben mit Bottrop einen Maßstab gesetzt und ein Konzept entwickelt, das funktioniert. Damit treffen wir den Nerv der Zeit, denn von den Instrumenten, Verfahren und Erfahrungen, die wir in der Modellstadt Bottrop entwickelt haben, werden auch andere Kommunen profitieren. Wir sind zusammen mit unseren Partnern aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik auf alle Ruhrgebietsstädte zugegangen und erstellen derzeit für 20 ausgewählte Stadtquartiere Integrierte Energetische Quartierskonzepte. In den ersten Quartieren sind wir auch schon in die Umsetzungsphase gestartet.

Wie geht die Reise weiter?

Unser Ziel ist es, in ganz NRW weitere Konzepte zu realisieren. Auch in anderen Bundesländern sind wir unterwegs: in Bayern, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Saarland und Schleswig-Holstein. Wir empfangen regelmäßig Delegationen, auch aus China, Finnland, Frankreich, Russland oder den USA. Früher war das Ruhrgebiet mal die Energieschmiede Europas. Heute kommen von dort die Energie-Experten für den klimagerechten Umbau europäischer Städte. Ich bin mir absolut sicher: Mit unserem Modell werden wir internationaler Player.

Was könnte Ihrer Meinung nach politisch getan werden, um die energetische Sanierung voranzutreiben?

Es gibt immer noch ideologische Denkfehler – eine sehr deutsche Entweder-oder-Haltung. So verfolgt das Bundesbauministerium eine „Ganz-oder-gar-nicht“-Strategie. Es legt die Messlatte für eine KfW-Förderung zu hoch. Um die zu bekommen, muss ein Sanierer maximale Dämmwerte erreichen und dafür entsprechend viel Geld in die Hand nehmen. Die Konsequenz: Er lässt es bleiben. Besser wäre es, auch für kleinere, machbare Maßnahmen Förderimpulse zu geben. Auch die helfen, den CO2-Ausstoß zu senken.