Metropole Ruhr als Vorreiter für den Klimaschutz

Burkhard Drescher ist Geschäftsführer der Innovation City Management GmbH in Bottrop. Ein Gespräch zur Energiewende.

Herr Drescher, die Städte im Ruhrgebiet suchen nach Lösungen für den Klimawandel. Sie leiten seit 2011 die Innovation City Management GmbH (ICM), die sich für klimagerechten Stadtumbau einsetzt. Freut es Sie, dass Ihr Thema derzeit so hoch im Kurs steht?

Endlich bekommt der Klimaschutz die Aufmerksamkeit, die er verdient. Er ist in den Mittelpunkt gerückt, weil die Menschen den Klimawandel inzwischen hautnah wahrnehmen und dort, wo sie wohnen, Veränderungen einfordern. Jetzt kommt es allerdings darauf an, den Bürgern zu zeigen, dass Klimaschutz auch wirklich machbar ist – unser Credo seit Jahren.

Wie wollen Sie das zeigen?

Wir zeigen das bereits, in Bottrop, im Ruhrgebiet und in vielen weiteren Städten. Wir verfügen über neun Jahre Erfahrung in der Entwicklung von Stadtquartieren und wissen, dass Klimaschutz nur funktioniert, wenn er von unten organisiert wird, pragmatisch und bürgernah. Das Quartier ist der optimale Schauplatz dafür. Hier ist die direkte Ansprache aller Akteure möglich, hier können öffentliche Mittel punktgenau eingesetzt und kontrolliert werden.

Sehen Sie, in Deutschland sind aktuell rund 75 Prozent aller Wohngebäude älter als 30 Jahre und müssten saniert werden. Mit dezentraler und kommunaler Steuerung könnte man hier eine energetische Modernisierungsrate von jährlich bis zu drei Prozent erreichen. Bundesweit stagniert diese Rate bei einem Prozent, in Bottrop liegt sie seit Jahren bei über drei Prozent. Damit leisten wir einen wesentlichen Beitrag zum Klimaschutz.

Was behindert Ihrer Meinung nach denn die Klimawende? Warum stecken wir fest?

Wer sich für eine Photovoltaik-Anlage entscheidet, wird in Deutschland zum Stromproduzenten und wie ein Unternehmer eingestuft. Andererseits darf der Sonnenstrom, der im Quartier erzeugt wurde, dort nicht verteilt werden. Bei Mieterstrom-Modellen verlieren kommunale Wohnungsunternehmen ihre Steuerprivilegien. Bund und Land müssen diese dicken Knoten durchschlagen, sie müssen Prozesse vereinfachen und mit wirksamen Fördermitteln Anreize schaffen.

Was könnte politisch getan werden, um die energetische Sanierung voranzutreiben?

Für kleinere, machbare Maßnahmen Förderimpulse geben. Auch die helfen, den CO2-Ausstoß zu senken.

Im Auftrag der Landesregierung haben Sie von 2016 bis 2019 Ihre Erfahrungen aus Bottrop an 17 Ruhrgebietsstädte weitergegeben und insgesamt 20 Quartierskonzepte erstellt. Zu welchem Ergebnis sind Sie für die Region gekommen?

Ich bin fest davon überzeugt, dass die Metropole Ruhr das Zeug dazu hat, Vorreiter für machbaren Klimaschutz zu werden. Das Ruhrgebiet war einst die Energieschmiede Europas. Die kann es wieder werden – und zwar mit Hilfe der erneuerbaren Energien.

In unseren 20 Konzepten haben wir herausgefunden, dass die Quartiere ihren Strombedarf untereinander komplett mit Sonnenenergie abdecken könnten. Mit gut 1,12 Millionen Megawattstunden im Jahr könnten sie sogar die gleiche Strommenge noch einmal abgeben. Wollte man das mit fossilen Energien erreichen, müsste man 474.000 Tonnen Braunkohle verstromen. Das ist nur ein Beispiel aus unseren Analysen.

Würden alle in den Konzepten vorgeschlagenen Maßnahmen umgesetzt, könnten innerhalb von fünf Jahren über 300.000 Tonnen CO₂ eingespart werden. Das ist eine Menge, die ansonsten innerhalb eines Jahres nur von einem 300 km² großen Wald – größer als Dortmund – aufgenommen wird. Man kann also jede Menge für die Umwelt tun. Ich sage immer, dass Klimaschutz nichts mit Enthaltsamkeit und Entbehrung zu tun hat. Klimaschutz schafft mehr Lebensqualität und Arbeitsplätze – ein zentraler Punkt im industriell geprägten Ruhrgebiet.

 

Dieses Gespräch erschien zuerst im top magazin RUHR, Herbst 2019.